Bilder aus der Geisterwelt? – Hunderte eingravierter Figuren auf Felsen im Süden von Basse Terre, der östlichen der beiden Hauptinseln Guadeloupes, stellen die Wissenschaft vor unergründbare Geheimnisse. „Wahrscheinlich handelt es sich um Visionen indianischer Schamanen“, kann Ethno-Archäologe David Laporal nur vermuten.

Bernhard Grdseloff
Laporal ist der wissenschaftliche Verantwortliche des „Parques des Roches Gravées“: Ein 2 Hektar großes öffentliches Areal bei Vieux Fort am Südzipfel von Basse Terre, übersät von mannshohen Felsen, in die menschenähnliche Figuren eingraviert sind. „In und um den Park haben wir bisher 1200 solcher Petroglyphen entdeckt“, sagt der Forscher. „Das sind 90% aller bekannten indianischen Felsgravuren der ganzen Karibik.“

Der Grund für die Konzentration liegt im Dunklen. „Vielleicht war hier ein heiliger Ort oder eine sehr große Ansiedlung“, rätselt der 33-jährige Archäologe. „Aus alten Aufzeichnungen wissen wir, dass die Gravuren schon da waren, als die ersten Europäer nach Guadeloupe kamen.“ Doch wer sie anfertigte und wann, ist mit herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden nicht feststellbar.

„Das Alter der Felsen zu bestimmen, ist keine Problem, das sagt aber nichts über die Entstehungszeit der Reliefs“, erklärt Laporal das Dilemma. „Auch die Fundstücke aus der Umgebung helfen uns nicht weiter, weil sie aus vielen Siedlungsperioden stammen und wir bisher kein Werkzeug identifizieren konnten, das für die Gravuren verwendet wurde.“

Geheimnisvoll ist auch die Bedeutung der Darstellungen. Keramische Fundstücke zeigen nur Tierfiguren, die Steingravuren aber Menschen. Die Anfertigung erfolgte mit großer Mühe: „Erst wurden die Linien Punkt für Punkt aus dem Fels geschlagen, dann sorgfältig geglättet“, sagt der Wissenschaftler, der die Technik selbst erprobt hat. „Vielleicht können wir über die Entwicklung der Patina und das Wachstum von Pilzen in den Ritzen Rückschlüsse auf das Alter ziehen.“