Kirchlichen Sanktus gab es keinen: Für den Klerus waren Trommeln schlicht Teufelswerk. Trotzdem konnte sich der Rhythmus der Sklaven aus Afrika auf den französischen Karibikinseln fortpflanzen. Er vermählte sich mit Quadrille, Polka und Walzer aus Paris zu völlig eigenständigen kreolischen Klängen: Bélé, Gwo-Ka und Biguine sind das Gegenstück zu Reggae und Calypso der englischsprachigen Inseln.

Bernhard Grdseloff
Im alten Naturglauben der Afrikaner dienen Trommeln dazu, mit den Göttern in Verbindung zu treten. Grund genug für die Kirche, das Instrument als heidnisch zu verteufeln. In Martinique und Guadeloupe drückten die Plantagenherren aber oft ein Auge zu: “Die Sklaven bauten sich aus Rumfässern Trommeln ähnlich denen aus ihrer Heimat“, sagt Sully Cally, Autor mehrerer Bücher über die Musik Martiniques und Guadeloupes.

Zunächst waren die Klänge afrikanisch: Beim Bélé Martiniques und dem Kwo-Ka Guadeloupes handelt es sich um Wechselgesänge zwischen einem Vorsänger und dem Chor, begleitet von Trommlern, die rittlings auf ihrem Instrument sitzen. Doch die Schwarzen waren für die Musik der Weißen weit aufgeschlossener als umgekehrt.

Zur Zeit Napoleons, dessen Gattin Joséphine aus Martinique stammte, erlebte die Pariser Hofmusik auf den Karibikinseln einen Boom. Prompt griffen die kreolischen Musiker Quadrille, Polka und Walzer auf. Sully Cally: “Die Musik wurde afrikanisiert, mit dem Original hat sie nichts mehr gemein.“

Polka und Bélé vermischten sich in Martinique Ende des 19. Jahrhunderts zum neuen Musikstil “Biguine”: Oft begleitet von satirisch-politischen Liedern war die kreolische Mischung der Dauerhit in der früheren Inselhauptstadt Saint-Pierre. Als 1902 die Gipfelexplosion des Vulkans Mt. Pelée das “Paris der Karibik” zerstörte und 28.000 Opfer forderte, hatte die Kirche schnell den Schuldigen bei der Hand: Die “heidnische Musik” wurde verboten. Erst in der 30er Jahren erlebte Biguine zusammen mit dem verwandten New Orleans Jazz eine Wiedergeburt.

Die kreolische Musik: Gegenstück zu Reggea und Calypso

Bélé und Gwo-Ka: Von Trommeln begleiteter Erzählgesang eines
Vorsänger im Wechselspiel mit einem Chor. Die ursprüngliche Form
kreolischer Musik: gespielt in verschiedenen Rhythmen, etwa begleitend
zur Arbeit, zum Tanz oder zur Totenwache.
Da(n)myé: Kampftanz, bei dem zwei Gegner von Trommeln und Gesang eines “Kommentators” angefeuert werden.
Biguine: Kreuzung aus Bélé und Polka, gespielt mit Posaune,
Klarinette und Banjo. Später kamen unter Einfluss des New Orleans Jazz
Trompete, Saxophon, Schlagzeug, Gitarre und andere Instrumente dazu.
Zouk: Neueste Erscheinung der kreolischen Musik, beliebt bei
Tanzpartys. Entstand in den 80er Jahren als Mischung aus Biguine,
kreolischer Mazurka, amerikanischem Pop und anderen Musikstilen. Wurde
durch die Band “Kassav” weltberühmt.